bibliotheca mystica

Es gibt Orte, da braucht man keine Musik um zu überleben, weil sie ihre eigene Melodie besitzen.
In der Luft liegt ein ätherisches Sirren, einem Rauschen ähnlich. Es verschmilzt mit dem teppichgedämpften Herzschlag der Schritte, dem Flüstern umgeblätterter Buchseiten, dem gehauchten Klackern der Tastaturen.
Die Bücher in den Regalen saugen jeden Ton in sich auf. Sie schenken ihm ein papierenes Gewand, schmücken ihn mit Tintenklecksen und atmen ihn wieder aus.
Studenten haben ihre Siebensachen auf den Tischen an der Fensterfront ausgebreitet, die Skripte und Notizen baden im letzten Sonnenlicht. Die endlosen Reihen der Bücherregale stehen starr, aber wenn du genau hinsiehst, siehst du die einzelnen Bände blinzeln.
Du musst leise gehen, sonst tötest du die Stille, die mit winzigen Geräuschfragmenten durchwoben ist und du weißt: die Stille stirbt so schnell.

Ich taumle durch die Welten. Meine Fingerspitzen streifen die Buchrücken und ertasten Leder, Leinen, Pappe. Ich ziehe ein Buch nach dem anderen hervor, trenne es von seinen Gefährten und nehme es mit mir.
Winzige Hexen lassen sich auf meinen Schultern nieder. Sie klettern aus dem Einband, aus den Buchseiten und den Leerstellen zwischen den Buchstaben hervor. Ein Wilder Mann piekst meinen Ringfinger, Lilith marschiert mitsamt den Menschen- und Gottessöhnen neben meinen dunkelroten Docs, ein Faun klammert sich an mein Hosenbein, Beelzebub versteckt sich in meiner Jackentasche.

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