blind

Du hast mich für alle anderen Mädchen der Welt verdorben: ich habe zu lange in die Sonne gestarrt, und nun laufe ich mit blinden Flecken vor den Augen durch die Straßen und Clubs der Stadt und wundere mich, warum ich niemanden erkenne.
Du bist nicht großartig, grandios oder atemberaubend. Du hast es nicht nötig, kokett die Augen aufzuschlagen und dein Gegenüber mit präzise geplanten Bewegungen zu verführen. Du trägst kein Gucci, Prada und Armani, sondern schwarze Kapuzenpullis mit Bandnamen darauf. Du könntest die Welt nie in High Heels erobern, sondern bevorzugst das Motorrad, und deine Haut hat vermutlich noch nie in ihrem Leben Schminke gefühlt, sondern Meerwasser, Sommerhitze und das kühle Glas eines Beck’s.
Du verachtest Dubstep und vergötterst Metal und Punk. Die Interpretenliste auf deinem iPod entspricht zu über neunzig Prozent der meinen. Du verlässt ohne Longboard und Kippen nicht das Haus, und wenn du es tust, bist du auf dem Weg zu einem Konzert, wo du dir im Moshpit ein blaues Auge abholst.
Der Schmuck, den du trägst, verzaubert nicht, eher schockt er alte Menschen. Du fällst auf, ebenso deine sonnenuntergangroten Haare, die du einmal radikal abrasiert hast, nachdem sie dir bis zum Arsch reichten, und die nicht nach Früchten oder Blumen duften, aber nach Männerhaargel.
Du eroberst das Sofa, indem du mir nach einem heißen Sommertag deine besockten Füße vor die Nase hältst oder dich mit den Worten „Wunder dich nicht, ich leg mich immer auf Menschen, die ich mag“ auf mir breit machst.

Du bist und bleibst mein großes Fragezeichen, seufzt der Prinz aus den Lautsprechern und fährt einige Lieder später fort: Bin verliebt wie ein Junge, mit dem Bauch und darunter, denn die anderen weigern sich, unsere Musik zu hören. Und du bist alles für mich, alles das, was mir Angst macht. Meine silberne Kugel, mein Kryptonit und mein Anthrax. Du bist das, was ich vom Schicksal verlangt hab, die Patrone für mein Kopf in der Kammer der Pumpgun.
Im Nachhinein werde ich sagen, es war der Sommer meines Lebens, einer der Sommer meines Lebens.
Da liegst du, den Kopf in meinen Schoß gebettet und die Augen geschlossen, deine linke Hand streicht über meinen Oberschenkel, als wäre ich eine Katze, und meine Finger vergraben sich in deinen kurzen, sonnenuntergangroten Haaren, und ich weiß jetzt schon, ich werde meine Hände heute Abend nicht waschen, damit ich den Geruch deines Haargels beim Einschlafen in der Nase habe.
Ich will dich nie wieder gehen lassen, ich will dich vor allem beschützen, was dir Angst macht, und die Momente, in denen ich dich trösten durfte, will ich einrahmen und nie wieder vergessen.

Du nimmst meine Hand, und lachst, und schmiegst dich an mich, und dein „Nein, es tut mir leid, aber …“ war der schönste Korb, den ich je erhalten habe.

Du bist vorbei, bist fort, als seist du nie da gewesen, aber du hast mich für alle anderen Mädchen dieser Welt verdorben: wenn man zu lange in die Sonne sieht, hat man nur noch blinde Flecken vor den Augen.

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